Agent-Architekturen

Verschiedene Architekturmuster und Design-Prinzipien für KI-Agenten


Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Agenten-Typen nach Intelligenz
  3. ReAct-Architektur
  4. Tool-Calling-Architektur
  5. Workflow-basierte Architektur
  6. Multi-Agent-Architektur
  7. Design-Prinzipien
    1. Single Responsibility
    2. Fail-Safe Design
    3. Human-in-the-Loop
    4. Observability
  8. Entscheidungshilfe
  9. Zusammenfassung
  10. Abgrenzung zu verwandten Dokumenten

Überblick

Ein KI-Agent ist mehr als ein einfacher Chatbot. Während ein Chatbot auf Eingaben reagiert und Antworten generiert, kann ein Agent selbstständig Entscheidungen treffen, Werkzeuge nutzen und mehrstufige Aufgaben lösen. Die Wahl der richtigen Architektur bestimmt maßgeblich, wie leistungsfähig, zuverlässig und wartbar ein Agent-System wird.

Agenten lassen sich aus zwei Perspektiven klassifizieren:

Perspektive Frage Abschnitt
Intelligenz-Typ Wie entscheidet der Agent? Section 2
Implementierungsmuster Wie ist der Agent aufgebaut? Sections 3–6

Vier grundlegende Implementierungsmuster haben sich in der Praxis etabliert:

Architektur Kernidee Komplexität
ReAct Denken → Handeln → Beobachten ⭐⭐
Tool-Calling LLM wählt und nutzt Werkzeuge ⭐⭐
Workflow-basiert Definierte Schritte mit Verzweigungen ⭐⭐⭐
Multi-Agent Spezialisierte Agenten arbeiten zusammen ⭐⭐⭐⭐

Agenten-Typen nach Intelligenz

Agenten lassen sich nach Intelligenz und Entscheidungslogik klassifizieren. Diese Klassifikation beschreibt, wie ein Agent zu Entscheidungen kommt — unabhängig davon, wie er technisch implementiert ist:

Typ Entscheidet durch Stärke Schwäche LangChain-Analogie
Simple Reflex If/Then-Regeln Schnell, vorhersagbar Kein Gedächtnis, keine Anpassung Regelbasierter Workflow ohne State
Model-Based Reflex Internes Weltmodell + State Reagiert auf nicht-sichtbare Zustände Plant nicht voraus LangGraph mit StateGraph
Goal-Based Simulation zukünftiger Zustände Flexibel, zielorientiert Rechenaufwändig ReAct-Agent
Utility-Based Maximierung eines Präferenz-Scores Wählt die beste Option, nicht nur eine gültige Braucht präzise Utility-Funktion Agent mit Judge/Evaluator
Learning Agent Lernen aus Erfahrung und Feedback Verbessert sich über Zeit Datenhungrig, langsam Reinforcement Learning (außerhalb LangGraph-Scope)

Die Kernfrage je Typ:

  • Simple Reflex: Welche Regel passt zu dieser Situation? — reagiert, kein Gedächtnis
  • Model-Based: Was weiß ich über den Zustand der Welt, auch was ich nicht direkt sehe? — erinnert sich, plant nicht
  • Goal-Based: Was bringt mich meinem Ziel näher? — zielt, jeder Weg zum Ziel ist akzeptabel
  • Utility-Based: Welche Option maximiert meinen Nutzen-Score? — bewertet, wählt den besten Weg
  • Learning Agent: Was hat in der Vergangenheit funktioniert? — verbessert sich, aber langsam und datenintensiv

Bezug zu den Implementierungsmustern: Ein ReAct-Agent (Section 3) verhält sich wie ein Goal-Based Agent — er simuliert, welche Aktion sein Ziel erreicht. Ein Workflow-basierter Agent (Section 5) entspricht je nach Komplexität einem Simple-Reflex- oder Model-Based-Agenten. Ein Agent mit LLM-as-Judge-Komponente (z. B. Qualitäts-Gate) nähert sich dem Utility-Based-Typ.

Hinweis: Learning Agents mit Reinforcement Learning liegen außerhalb des LangChain/LangGraph-Scopes dieses Kurses.


ReAct-Architektur

ReAct (Reasoning + Acting) beschreibt einen iterativen Zyklus: Der Agent denkt nach (Reasoning), führt eine Aktion aus (Acting) und beobachtet das Ergebnis. Dieser Zyklus wiederholt sich, bis die Aufgabe gelöst ist.

flowchart LR
    A[Aufgabe] --> B[Denken]
    B --> C[Handeln]
    C --> D[Beobachten]
    D --> E{Ziel erreicht?}
    E -->|Nein| B
    E -->|Ja| F[Antwort]

Charakteristik:

  • Transparenter Denkprozess (nachvollziehbar)
  • Gut geeignet für explorative Aufgaben
  • Kann bei komplexen Problemen viele Iterationen benötigen

Typischer Einsatz: Recherche-Aufgaben, Problemlösung mit unbekanntem Lösungsweg


Tool-Calling-Architektur

Bei dieser Architektur entscheidet das LLM, welches Werkzeug mit welchen Parametern aufgerufen werden soll. Das Ergebnis fließt zurück in den Kontext, und der Agent formuliert die finale Antwort.

flowchart TD
    A[Benutzeranfrage] --> B[LLM analysiert]
    B --> C{Tool nötig?}
    C -->|Ja| D[Tool auswählen]
    D --> E[Tool ausführen]
    E --> F[Ergebnis verarbeiten]
    F --> B
    C -->|Nein| G[Antwort generieren]

Charakteristik:

  • LLM als “Orchestrator” der Werkzeuge
  • Erweiterbar durch neue Tools ohne Architekturänderung
  • Abhängig von der Qualität der Tool-Beschreibungen

Typischer Einsatz: Assistenten mit definierten Fähigkeiten (Kalender, E-Mail, Datenbank)


Workflow-basierte Architektur

Hier werden Arbeitsschritte als Graph mit Knoten und Kanten modelliert. Jeder Knoten repräsentiert eine Verarbeitung, Kanten definieren den Ablauf – einschließlich bedingter Verzweigungen.

flowchart TD
    START((Start)) --> A[Eingabe analysieren]
    A --> B{Kategorie?}
    B -->|Technik| C[Technik-Agent]
    B -->|Vertrieb| D[Vertrieb-Agent]
    B -->|Sonstiges| E[Fallback]
    C --> F[Qualitätsprüfung]
    D --> F
    E --> F
    F --> END((Ende))

Charakteristik:

  • Vorhersagbarer, kontrollierbarer Ablauf
  • Explizite Fehlerbehandlung möglich
  • Komplexität steigt mit Anzahl der Verzweigungen

Typischer Einsatz: Mehrstufige Prozesse, Genehmigungsworkflows, RAG-Pipelines


Multi-Agent-Architektur

Mehrere spezialisierte Agenten arbeiten zusammen. Ein Supervisor koordiniert die Aufgabenverteilung, oder Agenten kommunizieren kollaborativ miteinander.

flowchart TD
    A[Aufgabe] --> S[Supervisor]
    S --> R[Research-Agent]
    S --> W[Writer-Agent]
    S --> C[Code-Agent]
    R --> S
    W --> S
    C --> S
    S --> E[Finale Antwort]

Varianten:

Pattern Beschreibung
Supervisor Ein Agent verteilt Aufgaben an Worker-Agenten
Hierarchisch Mehrere Ebenen von Supervisors und Workern
Kollaborativ Agenten kommunizieren direkt miteinander

Charakteristik:

  • Skalierbar für komplexe Aufgaben
  • Jeder Agent kann optimiert werden
  • Koordination erfordert sorgfältiges Design

Typischer Einsatz: Content-Erstellung, komplexe Analysen, autonome Systeme


Design-Prinzipien

Unabhängig von der gewählten Architektur gelten bewährte Prinzipien:

Single Responsibility

Jede Komponente hat eine klar definierte Aufgabe. Ein Tool berechnet, ein anderes sucht – nicht beides gleichzeitig. Das erleichtert Wartung und Fehlersuche.

Fail-Safe Design

Agenten müssen mit Fehlern umgehen können:

  • Was passiert, wenn ein Tool nicht erreichbar ist?
  • Was, wenn das LLM eine ungültige Tool-Auswahl trifft?
  • Maximale Iterationen verhindern Endlosschleifen.

Human-in-the-Loop

Bei kritischen Aktionen (Löschen, Senden, Bezahlen) sollte eine menschliche Bestätigung eingeholt werden. Das schafft Vertrauen und verhindert kostspielige Fehler.

Observability

Jede Entscheidung des Agenten sollte nachvollziehbar sein. Logging und Tracing ermöglichen Debugging und kontinuierliche Verbesserung.


Entscheidungshilfe

Die Wahl der Architektur hängt vom Anwendungsfall ab:

flowchart TD
    A[Anforderung analysieren] --> B{Mehrere Agenten nötig?}
    B -->|Ja| C[Multi-Agent]
    B -->|Nein| D{Fester Ablauf?}
    D -->|Ja| E[Workflow-basiert]
    D -->|Nein| F{Tools vorhanden?}
    F -->|Ja| G[Tool-Calling]
    F -->|Nein| H[ReAct]
Situation Empfohlene Architektur
Einfache Q&A mit Datenbankzugriff Tool-Calling
Mehrstufiger Genehmigungsprozess Workflow-basiert
Recherche mit unbekanntem Umfang ReAct
Content-Pipeline (Research → Write → Review) Multi-Agent
RAG-System mit Nachbearbeitung Workflow-basiert

Zusammenfassung

Intelligenz-Typen (Section 2):

  • Simple Reflex reagiert — schnell, aber ohne Gedächtnis
  • Model-Based erinnert sich — verfolgt Zustand, plant nicht
  • Goal-Based zielt — simuliert Zukunft, jeder Weg zum Ziel ist akzeptabel
  • Utility-Based bewertet — maximiert Präferenz-Score, wählt den besten Weg
  • Learning Agent verbessert sich — lernt aus Erfahrung, außerhalb LangGraph-Scope

Implementierungsmuster (Sections 3–6):

  • ReAct eignet sich für explorative Aufgaben mit transparentem Denkprozess
  • Tool-Calling macht Agenten durch Werkzeuge erweiterbar
  • Workflow-basiert bietet Kontrolle über komplexe Abläufe
  • Multi-Agent skaliert für anspruchsvolle, arbeitsteilige Aufgaben

Die Architekturmuster schließen sich nicht gegenseitig aus. In der Praxis kombinieren viele Systeme mehrere Ansätze: Ein Workflow kann Tool-Calling-Agenten als Knoten enthalten, oder ein Multi-Agent-System nutzt ReAct-Agenten als Worker.

Im weiteren Kursverlauf werden diese Architekturen praktisch mit LangChain und LangGraph umgesetzt.

Abgrenzung zu verwandten Dokumenten

Dokument Inhalt
Welches Werkzeug? Entscheidung: wann Agent, wann Workflow, wann RAG?
Tool Use & Function Calling Wie Werkzeuge technisch definiert und eingebunden werden
Multi-Agent-Systeme Koordinationsmuster wenn mehrere Architekturen zusammenarbeiten
State Management Wie Graph-Zustand über Architekturebenen hinweg verwaltet wird

Version: 1.1
Stand: März 2026
Kurs: KI-Agenten. Verstehen. Anwenden. Gestalten.